Reden die dort auch mit mir, Wenn ich keine großen Probleme habe?
Die wenigsten Menschen erkennen es als Problem, wenn man niemanden hat, mit dem man reden kann. Wenn niemand da ist, der aufmerksam zuhört. Dabei bedrückt es, wenn man sich nicht mehr getraut mit anderen Menschen zu reden und sich zu öffnen. Vielleicht aus Angst jemand seine wertvolle Zeit zu stehlen. Aus Angst, für sein Vertrauen Zurückweisung oder Spott zu ernten. Aus Angst, etwas an die große Glocke zu hängen, das einen zwar bedrückt, das man aber doch lieber für sich behalten möchte. Dabei geht es manchmal gar nicht so sehr darum, etwas aus seinem Innersten preiszugeben. Es geht mehr um das Gefühl der Einsamkeit, das sich einstellt, wenn man seit einiger Zeit außer dem üblichen Sprachgebrauch, sei es am Arbeitsplatz, sei es in der Familie, sei es beim Einkaufen, eigentlich kein Gespräch mehr geführt hat, das über reine Sachthemen hinausgegangen ist.
Denn der Mensch ist nun einmal auf seinen Mitmenschen angewiesen. Auf seine Antwort. Auf seine Reaktion. Ein Kopfnicken, einen freundlichen Blick, ein paar Worte. Wenn das fehlt, wird der Mensch einsam. Zurückgeworfen in seiner Einsamkeit auf Selbstgespräche, auf den Fernseher, auf seinen Computer und das Internet, auf die Events, wo er inmitten vieler anderer Menschen einsam bleibt.
Als Mitarbeiter in der Gesprächsoase, registrieren wir das immer wieder als einen der großen Problembereiche unserer Zeit: Die Einsamkeit. Die Sprachlosigkeit. Sich von allen verlassen fühlen. Oder dieses sich zudröhnen lassen durch den allgegenwärtige Lärm des Alltags mit seiner Fülle an wichtigen und unwichtigen Informationen, das manchen Menschen den trügerischen Eindruck vermittelt, mitten im Geschehen zu stehen, weil sie keine Zeit mehr für sich selbst haben. Weil sie sich getrieben fühlen und dadurch rastlos beschäftigt sind. Dieser trügerische Eindruck, kann die innere Leere, die Sehnsucht nach menschlicher Zuwendung nur eine Zeit lang überdecken. Bis dann plötzlich die Erkenntnis kommt: Hier fehlt etwas!
Damit bin ich bei den vielen Menschen angelangt, die sich unbehaglich fühlen, weil sie kaum definieren können, was ihnen fehlt: Ein vertrauliches Gespräch mit jemand, der aufmerksam und wohlwollend zuhört und dazu auch seinen Beitrag und seine Rückmeldung beisteuert. Das muss nicht einmal ein Gespräch sein, bei dem es um heikle Dinge geht. Eine aus unseren Gästen, eine Frau mittleren Alters kommt von Zeit zu Zeit vorbei, begrüßt uns, sagt, dass es ihr gut geht, und verlässt uns so schnell, wie sie gekommen ist. Offenbar schätzt sie unsere Zuwendung. Andere wieder bleiben bis zu einer Stunde und reden fast pausenlos. Danach fühlen sie sich erleichtert weil sie vieles klarer sehen, wenn sie es im Gespräch jemand anderem schildern und erklären können, anstatt sich selbst im Gedanken immer wieder im selben ausweglosen Kreis zu bewegen.
Bernward Pichl
Kirche Informiert, Innsbruck, 2/2007
Tags: Angst, Einsamkeit, Gespräch, Zeit

